Jugendliche Spielen immer mehr auf dem Handy – Erziehung zwischen Ohnmacht, technischer Kontrolle und Verboten

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Quelle: Mein-MMo.de

Jugendliche spielen immer mehr auf dem Smartphone

Smartphones werden immer leistungsfähiger, digitale Bezahlarten werden immer verbreiteter und niederschwelliger und auch für Jugendliche immer zugänglicher.

Diese zwei technischen und kulturellen Makro-Entwicklungen begünstigen den Shift des Spieleverhaltens von Jugendlichen vom PC / von der Konsole zum Smartphone. In Südostasien ist das Spielen übers Smartphone viel populärer als in Europa und den USA. Dort werden über 70 Prozent der Gesamtumsätze der Spieleindustrie übers Smartphone erzielt (Quelle: Newzoo). Weltweit haben bereits über 20 Spiele fürs Smartphone mehr als eine Milliarde USD generiert.

Die Spieleindustrie hat die neuen Monetarisierungsmöglichkeiten ihrer Produkte über das Spielgerät Handy erkannt und setzt im grossen Stil auf Mobile-Titel. Titel wie Candy Crush Saga, Call of Duty Mobile, Clash of Clans und Pokemon Go gehören zu einem wichtigen Bestandteil des Portfolios der Spieleentwickler.

Werden Spielkonsolen und PC’s bald verschwinden?

Grundsätzlich ist nicht davon auszugehen, dass der PC oder die Spielkonsole in den nächsten fünf Jahren verschwinden wird. Gerade ende 2020 werden die grossen Herstellere neue Spielkonsolen (Playstation 5, Xbox Series X) lancieren. Weitere Trends wie Cloudgaming und Virtual Reality werden das „stationäre“ Spielverhalten fördern.

Was bedeutet der Trend zum Mobile Gaming für die Erziehung von jugendlichen Gamern?

Im psychotherapeutischen Kontext ist durch Elterngespräche und Gespräche mit Jugendlichen beobachtbar, dass Jugendliche nicht auf das Spielen am PC oder auf der Konsole verzichten, sondern eher zusätzlich zu den bisherigen Spielgewohnheiten immer mehr am Handy zocken.

Während vor fünf Jahren Eltern ihren Jugendlichen anhand von Notizzetteln gespielte Stunden runterrechneten, ist es für Eltern aktuell recht schwierig, überhaupt ein Bauchgefühl dafür zu haben, wie viel ihre Jugendlichen wirklich spielen. Früher entsprachen die gespielten Stunden – etwas salopp formuliert – dem Zeitraum, wo die Zimmertüre verschlossen war und hie und da spieltypische Geräusche durch die Zimmertür drangen. Heute sind der Schulweg, die Mittagspause und die Zeit auf dem Sofa im Wohnzimmer Grauzonen.

Eine erste Herausforderung für Eltern ist es deshalb, überhaupt eine Übersicht über das Spielverhalten ihrer Kinder zu gewinnen. Dies gelingt primär über interessierte, wertfreie Gespräche. Eltern sollen sich mit dem Spielverhalten ihrer Kinder zudem inhaltlich auseinandersetzen und die Spiele ihrer Kinder im Idealfall mit ihnen zusammen- oder andernfalls auch einfach selbst spielen.

Auf der einen Seite wird die Erziehung für Eltern also mit dem Trend zum mobilen Spielverhalten also eher schwieriger. Auf der anderen Seite ermöglicht die fortgeschrittene Technik auch zusätzliche technische Kontroll- und Begrenzungsmöglichkeiten für Eltern.

Was Eltern technisch tun können, um den Überblick über das Smartphone ihrer Kinder zu behalten und Regeln zu machen

Android-Smartphones:

Apple IPhones:

Vorsicht – Technik ersetzt auf keinen Fall Erziehung

Eltern haben also zusätzlich zu ihren erzieherischen Möglichkeiten auch technische Möglichkeiten, das Spielverhalten ihrer Jugendlichen zu beobachten und zu reglementieren. Die Betonung soll hier wirklich auf „zusätzlich“ liegen.

Das Vorhandensein dieser technischen Möglichkeiten ersetzt auf keinen Fall eine intensive Beschäftigung der Eltern mit ihren Kindern rund ums Smartphone. Je wichtiger das Handy im Alltag und im Leben von Jugendlichen wird, desto mehr braucht es präsente, interessierte Eltern. Erziehung und Videospiele sind und bleiben anspruchsvolle und herausfordernde Themen für die ganze Familie.

„Wir schalten doch einfach einen Digitalen Riegel, dann kann unser Sohn dieses Spiel gar nicht mehr spielen und wir haben Ruhe!

(Wilhelm (49) & Monika (42), Eltern von Marco (14))

Der Wunsch, das Thema ein für alle mal zu erledigen und dann Ruhe zu haben ist verständlich. Er wird aber der komplexen Welt nicht gerecht, in der unsere Jugendlichen aufwachsen und dient schlussendlich eher dem Komfort der Eltern als der Förderung einer gesunden Entwicklung des/der Jugendlichen.

Es macht keinen Sinn, Kindern einfach einen „Riegel zu schieben„. Kinder und Jugendliche sind darauf angewiesen, Fehler machen zu dürfen und die Grenzen kennenzulernen und sich mit ihren Eltern immer wieder damit auseinanderzusetzen. Lernen sie dies nicht, laufen sie Gefahr, im jungen Erwachsenenalter ungenügend auf diese Herausforderungen vorbereitet zu sein. Zu starke Grenzen von Aussen verhindern diese wichtige Lernaufgabe und bringen zudem Spannung in die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Ethische Überlegungen trotz technischen Kontrollmöglichkeiten

Sind solche „Jugendschutzeinstellungen“ ethisch also vertretbar? Ja. Sofern sie der Entwicklung des Kindes- und nicht dem Komfort der Eltern dienen.

Eltern sollten sich in diesem Zusammenhang u.a. folgende ethische Gedanken machen:

  • Wo hat mein Kind das Recht auf Privatsphäre? Wo muss ich es durch Regeln von aussen schützen?
  • In welchen Bereichen erfordert die Entwicklung meines Kindes eine Grenze von Aussen? In welchen Bereichen nicht?
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