Die Frage danach, ob Videospiele aggressiv machen wird nach wie vor heiss diskutiert. Viele Videospiele haben gewalttätige Inhalte. Färben diese Inhalte wirklich auf die Persönlichkeit der Spieler ab? Ein statistischer Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und gewalttätigem Verhalten ist schon länger bekannt. Doch machen Videospiele wirklich aggressiv oder wählen sich Personen, die bereits ein Gewaltpotential haben einfach Spiele mit aggressiven Inhalten aus?

ego-shooter videospiele aggressiv

Studie von Anderson (2010)

Um einen ursächlichen Effekt von Videospielen auf Aggression nachzuweisen braucht es sog. experimentelle Studien oder Langzeitstudien im Kontrollgruppendesign. Die Meta-Analyse von Anderson et. al. (2010) untersuchte ebendiese Studien der letzten Jahren und kam zu folgendem Schluss:

  • Es gibt einen kulturell unabhängigen, ursächlichen Zusammenhang von gewalttätigen Videospielen und gewalttätigem Verhalten.
  • Es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und aggressiven Einstellungen / Gedanken. Auch dieser Zusammenhang ist unabhängig von der jeweiligen Kultur des Spielers.
  • Es gibt einen ursächlichen Zusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und aggressiven Emotionen. Dieser Zusammenhang war in den Experimentellen Studien am grössten. D.h. die Spiele beeinflussen die Emotionen vor allem kurzfristig.
  • Spieler von aggressiven Videospielen zeigten im Gegensatz zu anderen Versuchspersonen weniger prosoziales Verhalten.
  •  Konsum aggressiver Videospiele steht in einem ursächlichen Zusammenhang mit weniger Empathiefähigkeit.

Seit der Studie von Anderson (2010) gilt als erwiesen, dass aggressive Videospiele einen Einfluss auf die Aggression (Verhalten, Einstellung, Emotionen) des Spielers haben können.

Studie von Ferguson (2015)

Eine weitere, etwas neuere Studie von Ferguson (2015) zeigt in die gleiche Richtung. Sie untersuchte 101 Langzeitstudien im Kontrollgruppendesign, um den Effekt von aggressiven Videospielen auf (u.a.) aggressives Verhalten zu untersuchen. Diese Studie kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass Videospiele aggressives Verhalten erhöhen – und Prosoziales Verhalten vermindern können. Gleichzeitig betont Ferguson aber, dass die Effekte zwar messbar – aber minimal ausgeprägt sind.

Studie der APA (2017)

Eine Studie im Auftrag der „American Psychological Association“ untersuchte den Kausalzusammenhang zwischen gewalttätigen Videospielen und gewalttätigem Verhalten 2017 in einer Studie erneut, in dem sie 31 Studien zwischen 2009 un 2013 zu diesem Thema analysierten. Diese Task-Force kam zu zwei Schlüssen:

Gewalttätige Videospiele führen ursächlich zu:

  • Höherem aggressivem Verhalten
  • Mehr aggressiven Gedanken
  • Mehr aggressiven Gefühlen
  • Verminderte Empathiefähigkeit
  • Einem höheren psycholphysiologischen Aktivierung („Aurousal“)

Die Effekte erklären aber nicht den Zusammenhang zwischen aggressiven Videospielen und Gewaltstraftaten. Für einen ursächlichen Zusammenhang dieser zwei Faktoren findet die Studie keine Hinweise.

Zusammenfassung

Die Wissenschaft sagt, dass gewalttätige Videospiele gewalttätige Emotionen und Verhalten auslösen können. Jedoch scheint dieser Effekt auf gesunde Jugendliche einen zwar messbaren- aber doch eher geringen Einfluss zu haben.

Es gibt in der Forschung nach wie vor keine Hinweise darauf, dass jemand durch ein Ballergame im strafrechtlichen Sinne gewalttätig wird.

Es gibt andere, bekannte Faktoren (oben genannt), die in der Entstehung von Gewaltdelikten  (z.B. Amok, Körperverletzung) wesentlich grösseren Stellenwert zu haben scheinen als Videospiele.

Vorsicht bei der Interpretation

  • Dass aggressive Videospiele tatsächlich aggressiv machen können, heißt nicht, dass sie das auch in jedem Fall tun. Nur weil ein statistischer Zusammenhang nachgewiesen werden kann, heißt das noch lange nicht, dass das auch für Ihren Jugendlichen gilt. Die Effekte von Videospiele auf Aggressives Verhalten scheinen sehr klein zu sein.
  • Es gibt zahlreiche bekannte Faktoren, die viel direkter mit gewalttätigem Verhalten in Verbindung gebracht werden können als Videospiele. Zum Beispiel: Hyperaktivität, frühe Konfrontation mit gewalttätigem Verhalten in der Familie, Armut, Kriminalität eines Elternteils, unzureichende elterliche Fürsorge, Versagen bei Schulleistungen, häufige Schulwechsel, Konsum illegaler Substanzen, konflikthafte Familien, etc. (frei übersetzt aus Hawkins et. Al. (2003).
  • Ebenso ist bekannt, dass auch andere Medien das Potential haben, aggressives Verhalten hervorzurufen. So fanden Huesmann et. Al. (2003) auch einen kausalen Zusammenhang zwischen gewalttätigen TV-Inhalten und gewalttätigem Verhalten.
  • Zudem berichten viele Jugendliche dass Computerspiele ihnen dabei helfen, ihre Aggressionen zu kanalisieren und abzubauen.
  • Desweiteren ist elementar, wie man den Begriff Aggression überhaupt verwendet und dass man diesen Begriff nicht „überstrapaziert“. Oft werden diese Studien fälschlicherweise verwendet, um delinquentes Verhalten oder Amok-Taten zu erklären. Das ist natürlich viel zu weit gegriffen. Die Studien von Anderson & Ferguson machen aber über solche Extremfälle überhaupt keine Aussagen und es erscheint aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Lage als sehr unwahrscheinlich, dass Videospiele solche Extremtaten direkt beeinflussen.

Umfrage auf gamesucht.com (2016)

Bei der Umfrage beteiligten sich zwischen Juli 2016 und Dezember 2016 insgesamt 76 Personen (herzlichen Dank!). Ca. ein Drittel der Befragten (34,2% / 26 Personen) sind der Meinung, Videospiele können Jugendliche „sicher nicht“ oder „eher nicht“ aggressiv machen. Gut die Hälfte der Befragten (55,2 % / 42 Personen) sind der Meinung, Videospiele können bei Jugendlichen „sicher“ oder „eher“ aggressives Verhalten auslösen. 10.5 % der Befragten (8 Personen) beantworteten die Frage mit „weiss nicht“. Insgesamt zeigt die Umfrage ein gemischtes Bild mit der Tendenz eher in Richtung „Ja“

Tipps für Eltern

  • Thematisieren Sie mit Ihren Jugendlichen das Thema Videospiele und Aggressivität.
  • Beobachten Sie, ob Videospiele (und andere Medien) auch Ihren Jugendlichen aggressiv machen. Thematisieren Sie Ihre Beobachtungen und helfen Sie ihrem Jugendlichen, darüber zu reflektieren.
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