Erste Hilfe bei Computerspielsucht – Erziehungsverhalten

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Erste Hilfe bei Computerspielsucht - Sinnvolles ErziehungsverhaltenSie denken, Ihr Kind hat den Spielkonsum nicht mehr im Griff? Oder machen Ihnen vor allem die Inhalte der Spiele, die Ihr Kind spielt, sorgen? Hier finden Sie einen Vorschlag für ein sinnvolles Erziehungsverhalten. Die folgenden fünf Punkte sind als eine Checkliste oder Orientierungshilfe gedacht, die Ihnen helfen soll, den Überblick wieder zu erlangen und die Situation im Sinne Ihres Kindes möglichst konstruktiv anzupacken. Dieser Ablauf ist als Kreislauf zu verstehen der ständig wieder von neuem beginnen soll. Das Erziehungsverhalten sollte ständig angepasst werden.


1. Machen Sie sich ein Bild

Bevor Eltern in irgendeiner Form intervenieren ist es wichtig, sich ein vollständiges Bild der Situation zu machen. Werden Sie sich über die Entwicklungsaufgaben Ihres Kindes bewusst. Stellen Sie ebenso die Frage danach, wie sich ihr Kind in der Familie und im Freundeskreis fühlt. Beobachten Sie auch das Spielverhalten Ihres Kindes genau. Halten Sie Ausschau nach Symptomen einer Computerspielsucht.

  • Welche Entwicklungsaufgaben stehen für Ihr Kind an?
  • Welchen Belastungen ist Ihr Kind momentan ausgesetzt (Schule, Arbeit, sozial, gesundheitlich).
  • Wirken sich Videospiele negativ auf Ihr Kind aus? An was machen Sie das fest? Welche Spiele sind das und welche eher nicht?
  • Verstehen Sie, um was es in den Spielen geht? Spielt Ihr Kind wesentlich mehr Videospiele als andere Kinder? Welche Spieldauer wäre Sinnvoll?
  • Hat sich Ihr Kind in letzter Zeit verändert? Sind die Schulnoten gesunken? Gibt es noch „offline-Freizeitaktivitäten“?
  • Hat Ihr Kind soziale Kontakte? Lügt Ihr Kind, wenn es ums Gamen geht? Spüren Sie, wie es Ihrem Kind geht? Haben Sie einen Draht zu Ihrem Kind?
  • Wenn das Spiel ein Medikament wäre, gegen was würde es Ihr Kind wohl einsetzen?

2. Die eigene Wahrnehmung prüfen

Eltern sollen ihre eigene Einstellung über Videospiele und ihre eigene Wahrnehmung diesbezüglich genau prüfen. Am besten ist dies in einem Gespräch mit einer aussenstehenden Person möglich. Sie können aber auch Gespräch mit anderen Familienmitgliedern führen, um ihr Bild zu schärfen.

  • Ist Ihre Besorgnis der Situation angemessen?
  • Nehmen Andere die Situation ebenso wahr?
  • Haben andere Eltern die gleichen Sorgen wie Sie betreffend Videospielen oder ganz andere?
  • Reflektieren Sie Ihr Bild mit Aussenstehenden?
  • Sind Sie besorgt über den Inhalt der Spiele oder über die Spieldauer?
  • Können Sie auch spiele, die Ihnen nicht gefallen als legitimes Hobby Ihres Kindes sehen?

3. Das Gespräch suchen

Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, was Sie wahrnehmen und dass Sie besorgt sind. Seien Sie authentisch und beschreiben Sie genau, was Sie besorgt. Finden Sie eine konstruktive Kommunikationsebene. Sagen Sie auch, welches Verhalten sie beruhigen würde und wie Sie mehr Vertrauen in Ihr Kind fassen könnten. Versuchen Sie, die Spieltätigkeit Ihres Kindes nicht negativ zu bewerten und die Spiele Ihres Kindes nicht „runterzumachen“. Ein ehrliches, offenes, klares Gespräch kann bereits ein erster Schritt in Richtung Besserung sein. Am besten setzen Sie sich dazu an einen Tisch und nehmen sich Zeit. Lassen Sie den Jugendlichen den Zeitpunkt des Gesprächs bestimmen um die Kooperationsbereitschaft zu erhöhen. Kündigen Sie im Gespräch an, dass Sie neue Regeln machen müssen, sofern sich nichts am Verhalten Ihres Kindes ändert.

  • Gibt es dadurch schon eine Besserung?
  • Werden Sie von Ihrem Kind ernst genommen?
  • Haben Sie das Gefühl, Ihr Kind emotional erreichen zu können?
  • Müssen Sie durch das Gespräch ihren Gesamteindruck überdenken?

4. Neue Regeln

Videospiele sind für Jugendliche sehr verführerisch. Sind sie nach den Schritten 1-3 sicher, dass ihr Jugendlicher die Situation nicht mehr im Griff hat, müssen Sie als Eltern Regeln machen, um ihren Jugendlichen zu schützen. Machen Sie sich dazu folgende Gedanken und suchen Sie das Gespräch erneut.

  • Welche Regeln müsste Ihr Kind einhalten können, damit Sie merken würden, dass es „die Situation im Griff“ hat?
  • Was wären die Konsequenzen bei Einhaltung der Regeln / Regelbrüchen?
  • Macht es Sinn die Spieldauer zu beschränken oder gewisse Spiele zu verbieten?
  • Gelingt es, mit Ihrem Kind zusammen sinnvolle Regeln zu machen?
  • Welche Regeln sind für das Kind und Sie wirklich wichtig und auf welche könnte man verzichten?
  • Sind Sie bereit dafür, die Regeln mit aller Konsequenz durchzusetzen und zu überprüfen?
  • Sind Sie bereit dafür, dass es anstrengend und mühsam werden könnte? Haben Sie die Kraft dafür? Wenn nicht, holen Sie sich Hilfe von Aussen.

5. Überprüfung

Auch gute Regeln nützen nichts, wenn sie nicht durchsetzbar oder überprüfbar sind.

  • Wie lassen sich die abgemachten Regeln überprüfen?
  • Hilft Ihnen Ihr Partner (oder ex-Partner) dabei?
  • Wieviel Kontrolle ist nötig und wo vertrauen Sie Ihrem Kind?
  • Ist es nötig, technische Einstellungen an PC / Spielkonsole / Handy vorzunehmen? (Bsp. Altersfreigaben beschränken?)
  • Können Sie das Recht Ihres Kindes auf Privatsphäre weiterhin gewährleisten?

6. Konsequenzen

Machen Sie sich frühzeitig Gedanken darüber, welche Konsequenzen Sie im Falle von Regelbrüchen einsetzen wollen. Für Jugendliche ist es enorm wichtig, dass Regeln und die damit verbundenen Konsequenzen transparent und berechenbar – und nicht willkürlich gesetzt sind. Eltern dürfen in der Durchsetzung von Konsequenzen auch mal streng sein, sofern die Konsequenzen verhältnismässig und sinnvoll sind. Bleiben Sie Ihrem Kind zuliebe konsequent, auch wenn Sie zwiegespalten sind. Das ist normal.

  • Konnte Ihr Kind einen sorgfältigen Umgang mit Videospielen beweisen (Bsp. Einhalten der Spieldauer) und sich an vorgegebene Grenzen halten?
  • Warum? Warum nicht? Kann man gewisse Regeln lockern?
  • Muss man die Regeln anpassen?

Gelang gar nichts und Sie machen sich noch mehr Sorgen oder führten die Regeln zu einer Krise? Dann ist es Zeit, sich Hilfe von Aussen zu holen. Ihrem Kind zuliebe. Der Umgang mit Videospielen in Kombination mit der Aufgabe des Erwachsenwerdens kann jede Familie zeitweise überfordern.

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