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Verhaltenssucht und Drogensucht – Unterschiede und Gemeinsamkeiten

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Es wird sehr schnell von Sucht gesprochen, wenn es um exzessives Verhalten wie Internet- oder Videospielkonsum geht. Doch inwiefern gleicht eine Verhaltenssucht wie z.B. eine (Computer-)Spielsucht wirklich einer Drogensucht und inwiefern unterscheidet sie sich davon? 


Der Begriff der Sucht

Ursprünglich stammt der Begriff Sucht vom Lateinischen „addicere“, was so viel wie „Versklavung“ bedeutet. Der Mensch wird durch die Sucht insofern versklavt, als dass er nur noch eingeschränkt freie Entscheidungen treffen kann. Der Impuls, sich der süchtig machenden Substanz oder dem süchtig machendem Verhalten hinzugeben überwiegt dem Willen zu widerstehen – und das trotz negativer sozialer und gesundheitlicher Konsequenzen. Substanzgebundene Süchte (Drogensüchte) und Verhaltenssüchte (Bsp. Kaufsucht, Glücksspielsucht, Internetsucht, Computerspielsucht, Sexsucht) sind mittlerweile als Krankheit anerkannt. Im folgenden Beitrag sollen u.a. Grundmechanismen einer Sucht verständlich und stark vereinfacht erklärt werden.


Biologie der Sucht

Der Mensch empfindet gewisse Verhaltensweisen und Erfahrungen als angenehm. Dafür verantwortlich sind Botenstoffe des Gehirns, die sogenannten „Neurotransmitter“, wie z.B. Dopamin. Evolutionsbiologisch betrachtet haben sie die Aufgabe, erfolgreiches Verhalten a. ) emotional zu belohnen und b.) im Gedächtnis zu zu verankern. Das kann man sich in etwa so vorstellen:

Ein Urmensch findet einen Baum mit leckeren Äpfeln. Der Konsum der Äpfel (Verhalten) setzt Botenstoffe frei, die Glücksgefühle verursachen (Belohnung) und helfen, diese Erfahrungen im Gehirn zu speichern. Dieser Mensch wird sich in Zukunft an diese leckeren Äpfel erinnern und zum Baum zurückkehren, was seine Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht.


Wie entsteht eine Drogensucht im Gehirn?

Drogen sind Substanzen, die diesen (natürlichen, Hirn-eigenen) Botenstoffen chemisch sehr ähneln, so dass das Gehirn bei Drogenkonsum von Botenstoffen überschwemmt wird. Dem Gehirn wird vorgespiegelt: „das ist etwas ganz tolles!!! Das ist super wichtig! Mach es wieder!“. Gleichzeitig bildet sich durch die ständige Überschwemmung des Gehirns durch diese Botenstoffe (je nach Substanz mehr oder weniger schnell) eine Toleranz. Das Verlangen zu Konsumieren bleibt, während dem die subjektiv empfundene Belohnung abnimmt. Dies führt dazu, dass der Konsument mehr derselben Substanz konsumieren muss um den gleichen emotionalen Effekt zu erhalten.


Wie entsteht eine Verhaltenssucht (wie z.B. eine Computerspielsucht) im Gehirn?

Im Gegensatz zu einer Drogensucht wie Nikotinsucht, Heroinsucht oder Alkoholsucht wird bei einer Verhaltenssucht keine Chemie von Extern ins Gehirn eingeführt. Das Gehirn wird bei einer Verhaltenssucht von körpereigenen Botenstoffen überschwemmt. Wir erinnern uns: Botenstoffe dienen evolutionsbiologisch dazu, ein Verhalten zwecks höherem Überlebenswert im Gehirn zu verankern. Bei jedem „belohntem“ Verhalten werden entsprechende Botenstoffe wie Dopamin ausgeschüttet. Bei Computerspielen beispielsweise wird dem Gehirn alle paar Sekunden ein „erfolgreiches Verhalten von Überlebenswert“ vorgespiegelt. Entweder durch die Vergabe von Punkten, dem Erhalten eines virtuellen Gegenstandes, einem Level-Up oder dem Besiegen eines gegnerischen Mitspielers. Interessant hierbei ist, dass bereits bei der Erwartung einer Belohnung Dopamin ausgeschüttet wird – unabhängig davon, ob der Erfolg eintrifft oder nicht. Das Spielen von Games kann so das Gehirn mit Botenstoffen überschwemmen. Auch hier kann sich eine Toleranz entwickeln, was bedeutet, dass der Spieler für den gleichen emotionalen Effekt mehr spielen muss.


Vergleich zwischen Verhaltenssucht und Drogensucht

Drogensucht Verhaltenssucht
Wirkungsweise externe Zuführung von botenstoffähnlicher Chemie körpereigene Botenstoffausschüttung
Körperliche Abhängigkeit je nach Substanz möglich keine
Soziale folgen je nach dem gravierend je nach dem gravierend
Gesundheitlicher Schaden unter Umständen hoch eher gering
Entzug/Therapie je nach Substanz gefährlich relativ harmlos

Während dem die zugrundeliegende Biologie dieser Süchte relativ identisch ist, unterscheiden sie sich dennoch in verschiedenen Punkten. Eine Drogensucht funktioniert durch extern zugeführte Chemie, während dem eine Verhaltenssucht auf körpereigenen Botenstoffen basiert. Deshalb kann das Ausmass der „Überschwemmung“ des Gehirns durch Botenstoffe beim Konsum von Substanzen um ein vielfaches höher sein, als eine Ausübung von süchtig machenden Verhaltensweisen. Ebenso ist bei vielen Substanzen eine körperliche Abhängigkeit möglich, während dem es bei Verhaltensweisen bei einer „psychsichen“ Sucht bleibt. Die sozialen Folgen können bei beiden Arten von Süchten verheerend sein (z.B. bei Glücksspielsucht kann Existenzen völlig ruinieren). Der direkte gesundheitliche Schaden einer substanzgebundenen Sucht ist höher einzustufen als derjenige, einer Verhaltenssucht. Während dem ein therapeutischer Drogenentzug je nach Substanz relativ gefährlich sein kann (da der Körper „fest“ mit den zugeführten Chemikalien rechnet und sie quasi in den normalen Stoffwechsel „eingebaut“ hat), sind die körperlichen Entzugssymptome einer Verhaltenssucht vergleichsweise relativ harmlos.


Quellen:

K. Mann (2013). Konzept der Verhaltenssüchte und Quellen des Suchtbegriffs.

Alavi (2012). Behavioral Addiction.

SciShow (2012) The Chemistry of Addiction

 

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